Einführungstage für Azubis – „Meine Zukunft“

Einführungstage für Azubis – „Meine Zukunft“
03 Aug 2015

Einführungstage für Azubis – „Meine Zukunft“ –

Der Übergang von der Schule in das Berufsleben ist für Jugendliche eine sehr aufregende Sache. Das System Schule, das die jungen Menschen jahrelang geprägt hat,  gehört nun der Vergangenheit an und viele sind auch mit Aussagen der Eltern und Großeltern „Jetzt fängt der Ernst des Lebens an“ konfrontiert.

 

Die Ausbildungsunternehmen investieren meist kräftig in die ersten Tage und gestalten Einführungstage, Kennenlern-Wochen, sozialpädagogische Seminare, Zeltlager oder Kontaktwochen. Meist haben diese Veranstaltungen das Ziel, die „Neuen“ gut abzuholen, ein Kennenlernen untereinander sicher zu stellen, die Ausbilder bekannt zu machen und natürlich viel Inhalt und Wichtiges zu vermitteln. Wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass diese Veranstaltungen oft eine „Schnellbleiche“ darstellen. Die vielen Gesichter, Inhalte und Wichtiges kann man sich gar nicht merken und deshalb werden den Azubis in vielen Unternehmen „Einführungsordner“ mitgegeben. Ein prall gefüllter Ordner mit Registern und sehr vielen Kopien wie Urlaubsanträgen, Krankmeldegrafiken, Berichtsheftvorlagen oder Bildschirmausdrucken auf den erkennbar ist, wie man über das IT-System seine Arbeitszeiten abrufen kann, werden vorbereitet und verteilt. Dieser Ordner, der in manchen Unternehmen auch „die Bibel“ genannt wird, soll von da an der Begleiter sein und ein gutes Nachschlagewerk darstellen. Ob diese Vorgehensweise noch zeitgemäß ist, können Sie liebe Leser selbst entscheiden.

Einführungstage neu gedacht

Ein Unternehmen, welches wir seit einiger Zeit begleiten, geht nun andere Wege. Ziel ist es, die Einführungstage radikal zu verschlanken, die neuen Auszubildenden viel früher mit einzubeziehen und ab dem ersten Tag Leistung und Selbständigkeit einzufordern.

Wir haben uns mit der Ausbildungsleitung und den Ausbildern darauf verständigt, dass die Einführungstage in dieser Firma ab dem Moment der Vertragsunterzeichnung beginnen und somit schon vieles vor dem eigentlichen Ausbildungsbeginn vermittelt bzw. zur Verfügung gestellt wird. Im Vorfeld haben wir uns auch mit dem Thema „Werte in der Ausbildung“ und dem vermeintlichen Werteverfall intensiv im Ausbilderkreis ausgetauscht und gemeinsam überlegt, was uns in der Ausbildung wichtig ist und worauf wir Wert legen. Daraus abgeleitet haben wir dann ein Programm entwickelt, das ab Vertragsunterzeichnung startet und das Ziel hat, die jungen Menschen bestmöglichst auf den Ausbildungsstart und das Berufsleben vorzubereiten. „Meine Zukunft“ nennt sich das Programm und dieses läuft nun seit 3 Jahren sehr erfolgreich.

 

Wie laufen die Einführungstage nun ab?

Die Vertragsunterzeichnung in dem Unternehmen aus dem Raum Kassel beginnt in der Regel ca. 14 Monate vor dem eigentlichen Ausbildungsstart. Die meisten Vertragsunterzeichner sind zu dieser Zeit noch in der Schule und befinden sich in den Abschlussklassen. Das heißt, die Prüfungen stehen irgendwann an- man muss auch berücksichtigen, dass das Thema „Ausbildung“ gedanklich noch sehr weit weg ist und andere Themen „Prio A“ haben.

 

Bei der Vertragsübergabe, bei der die Eltern auch mit eingeladen werden, wird den zukünftigen Auszubildenden ein iPad übergeben, welches in dem Ausbildungsunternehmen ein Werkzeug darstellt und auf dem alle ausbildungsrelevanten Inhalte vorgehalten werden. Im Unternehmen beginnen jedes Jahr ca. 70 Auszubildende und duale Studenten, verteilt über 11 Berufe und Studiengänge. Dementsprechend werden 70 iPads beschafft – dies stellt eine hohe Investition dar und aus diesem Grund muss das Gerät und die Anwendungen voll in die Ausbildung integriert werden und darf nicht als „Gag“ verstanden werden. Damit die „neuen“ Auszubildenden gut mit den Geräten zurecht kommen (damit ist nicht die Bedienung gemeint) haben wir verschiedene Erklärvideos erstellen lassen, die einen guten Überblick über die Anwendungen und Methoden geben.

Wir wir iPads, Moodle und Co. integrieren

Die Auszubildenden erhalten mit ihrem Gerät die Zugangsdaten für das LMS (Learning Management System) Moodle, auf dem wir den kompletten Ausbildungsablauf für die einzelnen Berufe, die zeitliche und fachliche Gliederung- aber auch die Terminverwaltung für Aufgaben und Lernerfolgskontrollen hinterlegt haben. Wichtig ist, dass die Auszubildende immer nur das auf Moodle sehen, was für Sie zum jeweiligen Zeitpunkt relevant ist.

 

Wichtig ist auch, dass die komplette Kommunikation zwischen den Auszubildenden und den Ausbildern über das integrierte soziale Netzwerk stattfindet und keine Mails mehr verschickt werden. Über die App auf den iPads erhalten die Azubis immer eine Mitteilung sobald neue Nachrichten, Aufgaben oder Termine vorhanden sind. Somit ist gewährleistet, dass alle über die relevanten Informationen verfügen und nichts mehr „untergehen“ kann.  Da im Programm „Meine Zukunft“ die Themen Selbständigkeit und Selbststeuerung einen wichtigen Stellenwert einnehmen, werden diese ab der Vertragsübergabe konsequent und nachhaltig eingefordert.

 

Die erste Herausforderung und Aufgabe, welche die neuen Auszubildenden erhalten, besteht darin, ein Vorstellungsvideo von sich zu erstellen und auf die Plattform hoch zu laden. Zudem sollen sie ihr persönliches Profil auf Moodle erstellen, vervollständigen und die ersten Kontakte mit den anderen Auszubildenden und Ausbildern knüpfen. Interessant ist, dass die Kontaktaufnahme keinerlei Hürde darstellt, was wohl damit zu tun hat, dass diese Art der Kommunikation für die Zielgruppe selbstverständlich ist. Übrigens haben wir uns die Methode „Vorstellung durch ein Video“ von Manfred Stoiber (Ausbildungsleiter Kreissparkasse Göppingen) abgeschaut. Er macht damit schon seit Jahren sehr gute Erfahrung.

WhatsApp Learning Nuggets

Nach zwei Wochen erfolgt dann eine Serie von weiteren Aufgaben und Lerneinheiten. So wird z.B. ein 5-tägiger WhatsApp Kurs durchgeführt, den alle durchlaufen müssen. Täglich erhalten die Auszubildende eine WhatsApp Nachricht zum Thema „Meine Zukunft“. In der WhatsApp Nachricht sind kurze Videos genauso hinterlegt, wie ein kurzer Verständnistest nach jeder Aufgabe. Die WhatsApp Nachrichten werden momentan noch von Hand verschickt, da eine Schnittstelle (API) zu anderen Systemen fehlt. Dies wird intern von einem Auszubildenden aus einem höheren Lehrjahr übernommen- was allerdings auch keine große Herausforderung darstellt.

Die Aufgaben und die Lernerfolgskontrollen, die im Vorfeld an die „neuen“ Azubis übermittelt und bearbeitet werden, haben auch den Zweck, dass Engagement, die Selbstständigkeit und Selbststeuerung der neuen Kollegen zu prüfen. Wenn alle Aufgaben pünktlich virtuell abgegeben wurden, werden die Teilnehmer zu einem 2-tägigen Kennenlernen eingeladen, welches an einem Wochenende zusammen mit den zukünftigen Ausbildern stattfindet. An diesen 2 Tagen gehen wir dann auf das im Vorfeld Gelernte ein, vertiefen diese Inhalte an praktischen Beispielen und haben zudem noch ein schönes Freizeitprogramm vorbereitet. Dieses Vorgehen nennt man auch Flipped Classroom, welche eine Unterrichtsmethode des integrierten Lernens darstellt.

 

Die Erfahrung der letzten 3 Jahre zeigt uns, dass diese Art von Einführungstagen mehrere positive Effekte nach sich zieht.

  1. Die jungen Menschen erleben einen professionellen „Onboardingprozess“
  2. Das Unternehmen positioniert sich als zeitgemäß und modern
  3. Neue Medien und neue Technologien kommen selbstverständlich zum Einsatz
  4. Selbststeuerung und Selbständigkeit werden ab der Vertragsunterschrift eingefordert
  5. Durch verschiedene Methoden wie die Videovorstellung und den Flipped Classroom erzeugen wir eine hohe Interaktion in der jeder gefordert ist
  6. Durch Technologien wie Moodle reduzieren wir die Arbeit für jeden Ausbilder (am Anfang ist der Aufwand jedoch relativ hoch)
  7. Die genannten Maßnahmen tragen auch zur Bindung von Azubis bei – es gibt keine Abspringer mehr
  8. Für die Ausbilder stellen die neuen Methoden und Vorgehensweisen eine Personalentwicklung dar, die von den meisten, gut aufgenommen und mitgetragen werden
  9. Die ursprünglichen Einführungstage sind wesentlich entspannter für alle Beteiligten ,da man sich schon kennt. Ein Einstieg in den Ausbildungsalltag ist sofort möglich
  10. Ein schöner Nebeneffekt ist der, dass man viele Ausbildungsinhalte schon vor der eigentlichen Ausbildung bearbeitet hat und somit Kosten spart. (Der Betriebsrat war übrigens von Anfang an mit einbezogen und hat dem Vorgehen so zugestimmt)

 

Industrie 4.0 und die Antwort der Ausbildung

Auch während der Ausbildung sind die neuen Technologien und Methoden inzwischen zur Normalität geworden. Moodle erweist sich als sehr mächtiges Werkzeug, welches die Ausbilder nicht mehr missen möchten. Die iPads werden wohl in Zukunft durch mobile Microsoft Geräte getauscht, da sich diese besser in die IT-Landschaft des Unternehmens integrieren lassen – aus unserer Sicht ist es auch völlig zweitrangig, welche Geräte genutzt werden, da diese nur Werkzeuge sind.

 

Wir freuen uns auf eine weitere Begleitung des Projektes. Inzwischen gehen wir noch einen bedeutenden Schritt weiter und werden das Thema „Industrie 4.0“ noch stärker in den Ausbildungsablauf integrieren. Spannende Aufgaben warten auf uns- aber auch auf die Ausbilder und die Azubis.

Einführungstage Smadias Deutsche Ausbilderakademie

 

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